Wenn man sich schämt, zum Psychotherapeuten zu gehen

Ein erster Besuch beim Psychotherapeuten, einer ersten Kontaktaufnahme, geht oft ein langer Prozess des inneren Monologs mit uns selber voraus: “Soll ich gehen? Soll ich nicht gehen? Soll ich ein Email schreiben, soll ich nicht? Soll ich anrufen, traue ich mich? Was wird mich dort erwarten? Welcher Mensch steckt wohl hinter der Website, dem ich dann meine innersten Gedanken, die mich quälen, darlegen möchte oder gar soll? Kann ich diesem Menschen vertrauen?”  Diese und andere Fragen halten uns in der Nacht wach, wenn wir endlich den Entschluss  getroffen haben, unser Leben zu verbessern, wenn wir uns endlich gedacht haben “So kann es nicht mehr weiter gehen”.  Bei den meisten von uns steckt das Gefühl der Scham hinter diesen Gedanken. Die Kontaktaufnahme und der erste Besuch bei einem Therapeuten sind meistens mit Scham behaftet: wir schämen uns, dass wir Hilfe in Anspruch nehmen wollen, wir denken, wir sind die einzigen auf der Welt mit dieser Art von quälenden Gedanken und Problemen. Manche denken sich sogar, dass der Psychotherapeut entweder noch nie so schlimme Sachen gehört hat, wie man ihm/ihr erzählen möchte, oder dass die Psychotherapeutin einen abwertet, wenn man gewisse Dinge erzählt. Dabei möchte man sich doch so gerne mitteilen! Aber die Scham hält einen zurück. Wir Psychotherapeuten sind uns dieser Dynamik natürlich bewusst. Vor allem in der Existenzanalyse ist Scham sogar ein sehr wichtiger Bestandteil des psychisch gesunden Menschen: die Scham sagt uns, was unser ganz Eigenes ist; sie beschützt, was uns ganz wichtig ist. Sie macht uns darauf aufmerksam, was wir bei uns behalten wollen, wo unsere Grenzen sind und was wir anderen von uns mitteilen wollen oder auch nicht. Sie sagt uns, was wir in unserem ganz eigenem privaten Bereich mit uns selber ausmachen wollen – und auch dürfen. Vielmals leiden wir darunter, dass in unserer Kindheit unsere Schamgrenze nicht gut beachtet wurde. Wenn diese Grenze nicht gut geachtet wurde und wenn wir uns nicht mehr schämen können, werden wir psychisch krank, da wir nicht mehr wissen, wo unsere Grenzen sind und uns nicht gut schützen können. In der Existenzanalyse sagen wir also nicht: “Sie müssen sich ja nicht schämen, zum Therapeuten zu gehen”, sondern wir erkennen dieses Gefühl gut an und bergen es zusammen.

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